Leiterkurs 2001

 

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Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.

Galileo Galilei

Aus dem Thurgauer Kirchenboten vom August 2001:

Neue Form der Ausbildung von Leiterinnen und Leitern für die Jugendarbeit

Das neue Konzept Kirche, Kind und Jugend verlangt von den Gemeinden und ihren Verantwortlichen ein Überdenken des gemeindeeigenen Engagements in der Jugendarbeit. Dabei legt es bewusst den Fokus nicht nur auf das finanzielle Engagement, sondern auch, und vor allem auf den personellen Einsatz. Was heisst das konkret? Vielerorts entstehen im Rahmen des neuen Konzepts neue Angebote im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit. Neue Angebote benötigen aber auch neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Hier stellt sich dann rasch die Frage: Woher nehmen, nämlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Und wenn sie dann da sind: Wie schult man sie? Die Kirchgemeinde Scherzingen-Bottighofen geht hier neue Wege.

v.l.n.r.: Claudio (Teilnehmer), Tamara Hauenstein Zahno (Kursleiterin) , Sergio Jost (Kursleiter), Titus (Teilnehmer), Lukas (Teilnehmer), Géraldine (Teilnehmerin), Alex (Teilnehmer). Fotograf: Andreas Seewer (Kursleiter)

Im Frühling fand erstmals der Leiterkurs für Jugendliche der Kirchgemeinde statt. Entstanden ist dieses Angebot aus dem Bedarf an Leiterpersönlichkeiten für das Kinderlager, das im Sommer stattfinden soll. Um die grosse Menge der angemeldeten Kinder optimal zu betreuen, entstand ein verstärkter Bedarf an Leiterinnen und Leitern. In der eigenen Gemeinde sind immer weniger Gemeindeglieder aus familiären und beruflichen Gründen in der Lage, eine Woche als Leiterpersonen in ein Lager mitzukommen. Das ist eine Realität, die wir vor allem im Bereich der Jugendarbeit stark spüren ist; Tendenz zunehmend, so ein Jugendarbeiter, an der regelmässig stattfindenden Zusammenkunft der Jugendarbeiter/innen der Ev. Landeskirche in Weinfelden.

Big Brother on the Water

Die Idee eines Leiterkurses entstand: Dem Diakon der Gemeinde, Sergio Jost, wurde die Aufgabe übertragen, eine solche Intensivwoche zu planen und durchzuführen. Es sollten eigens ausgewählte ehemalige Konfirmandinnen und Konfirmanden zu Leitern ausgebildet werden. Diese frisch ausgebildeten und motivierten jugendlichen Leiterinnen und Leiter sollten dann, im Sommer, zu zweit je eine kleine Gruppe von 4 bis 6 Kindern führen. Betreut und gecoacht werden sie dort von den älteren erfahrenen erwachsenen Leitern, die die Hauptverantwortung im Kinderlager tragen. Wie sieht nun aber so ein Intensivkurs aus? Wie versetzt man eine Handvoll Jugendlicher innert einer Woche in die Lage, eine kleine Kindergruppe führen zu können? Mit dem Stichwort Intensiv-Kurs ist bereits angedeutet, worum es im Leiterkurs gegangen ist: Nämlich um eine Woche, in der der gesamte Kursrahmen intensiv gestaltet wurde: Einerseits sollte die Theorie, also Inhalte aus Pädagogik, Methodik, Seelsorge, Psychologie, Leiterschaft, Bibelkunde usw. vermittelt werden. 

Aber nicht nur die Theorie wurde intensiv ausgewählt, auch für das Zusammenleben wurde ein intensiver Rahmen gewählt: Während jeder Minute des Tages teilte man das Leben auf engstem Raum miteinander. Kochen, Essen, Arbeiten und Schlafen geschah auf einer Fläche von insgesamt etwa 3 x 11 Metern, nämlich auf einem Plattbodenschiff in Holland. Ebenfalls intensiv war die körperliche Beanspruchung: Täglich der Laune des Wetters ausgesetzt zu sein, hohen Wellengang und Flauten zu erleben, bewirkte bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine innere Offenheit für die vielen neuen Lerninhalte, die ihresgleichen in herkömmlichen Schulungssituationen suchen lässt. Der ganzheitliche Rahmen der Intensivwoche auf dem Segelschiff erlaubte es, eine Vielzahl von Lerninhalten zu vermitteln, die sich nicht nur auf das rein rationale Denken beschränkten: Teamentwicklung, Einzelcoaching und vernetztes Denken sind nur einige Stichwörter, dafür, was in diesem erweiterten, intensiven Rahmen möglich wurde. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich bei der Anmeldung zu diesem Leiterkurs verpflichtet, im Sommerlager dieses Jahres als Leiterinnen und Leiter mitzukommen. Sie haben diesen Kurs mit dem Thurgauer Sozialzeit-Ausweis für ehrenamtliche Tätigkeit abgeschlossen. Dieses Dokument dient ihnen später einmal bei einer Bewerbung als Referenz für ihr ausserberufliches Engagement.

Ausgaben mit Investitionscharakter

Durch den Entscheid, diesen Leiterkurs mitzufinanzieren, hat die Vorsteherschaft fünf Jugendlichen die einmalige Möglichkeit geboten, ihre eigenen Fähigkeiten als Leiterpersonen zu entdecken und nun in einem konkreten Übungsfeld im Kinderlager unter Begleitung erfahrener Leiter in die Tat umzusetzen. Die Investition, die sie dabei getätigt hat, beschränkt sich nicht auf das Zahlen einer abwechslungsreichen Woche auf See, sondern in die nachhaltige Aus- und Weiterbildung von Mitgliedern aus der eigenen Gemeinde. Die Tatsache, dass es sich in diesem Fall um die Ausbildung jugendlicher Leiterinnen und Leiter handelt, zeigt, wie sinnvoll es ist, gerade im Bereich der Jugendarbeit ausbildnerisch aktiv zu werden.

Leiterkurs 2001: Unser Schiff, die Lemsteraak Welvaren

Ausbildungsbedarf auch in anderen Gemeinden

Es ist davon auszugehen, dass in den vergangenen zwei bis drei Konfirmandenjahrgängen jeder Gemeinde ein halbes Dutzend motivierter Jugendlicher auszumachen sind, die bereit wären, Verantwortung in der eigenen Gemeinde zu übernehmen. Es muss nicht gleich ein Kinderlager sein. Denkbar wäre zum Beispiel auch ein neuer Teenagertreff, der gegründet werden soll, oder eine neue Stufe in der Jungschar, oder ein Angebot im offenen Jugendbereich. Oftmals finden sich für solche neu aufzubauenden Angebote durchaus interessierte Jugendliche, aber es fehlt ihnen noch an der nötigen Kompetenz, denn guter Wille allein genügt noch nicht. Externe Kurse, wie sie zum Beispiel der Cevi oder Blaukreuz bzw. JK anbieten, sind zwar inhaltlich sehr gut aufgebaut, aber meistens fehlt ihnen der praktische Transfer zur konkreten Situation in der örtlichen Gemeinde, weil diese Kurse vor allem auf die verbandseigenen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Gefragt wären hier also massgeschneiderte Weiterbildungsangebote, in denen alle die Anforderungen an die Vermittlung von theoretischen Fertigkeiten, Teambildung, seelsorgerische Begleitung usw. enthalten sind. In der Regel bedeutet dies aber einen sehr grossen Aufwand für die betroffenen Mitarbeiter/innen einer Kirchgemeinde. 

Leiterkurs 2001: Am Ruder packen alle gerne an

Zusammenarbeit schafft Synergien

Ein Intensiv-Leiterkurs auf dem Segelschiff wird diesen Anforderungen gerecht: In Zusammenarbeit mit den lokalen Mitarbeitern (Jugendarbeiter/Pfarrer/Behörde) und dem Projektleiter des Ausbildungskurses, Diakon Sergio Jost, wird gemeinsam ein Programm erarbeitet, das den lokalen Bedürfnissen entspricht und in der Intensivwoche konkret umgesetzt wird. Auf diese Weise entsteht ein massgeschneidertes Ausbildungsprogramm für die zukünftigen Leiterinnen und Leiter der Gemeinde. Durch die Mitarbeit der betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsteht eine Synergie, die für alle Beteiligten fruchtbar wird und garantiert, dass das Ausbildungsprogramm nicht an den Bedürfnissen der eigenen Gemeinde vorbei geplant wird. 

In der Kirchgemeinde Scherzingen-Bottighofen sind die fünf neuen Leiterinnen und Leiter nun daran, zusammen mit dem Lagerleiter das Kinderlager vorzubereiten. Die bis jetzt durchgeführten Sitzungen haben gezeigt: Es handelt sich bei diesem jungen Team um ein neues, hoch motiviertes Team, das bereit und fähig ist, Arbeit und Verantwortung für das Lager zu übernehmen. Die Vorfreude auf die kommende Aufgabe ist deutlich spürbar.

Für weitere Informationen oder konkrete Konzeptplanung für gemeindeeigene Leiterkurse auf dem Segelschiff steht der Kursleiter, Diakon Sergio Jost gerne zur Verfügung: Klick!

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Aktualisiert: 30.08.2010